Universelles Design und Innovation

Ist Universelles Design innovativ, oder eine Quelle für Innovation?

Diese Frage tauchte auf beim World Usability Day am 09.11.2017 in Hamburg. Das weltweite Event stand in diesem Jahr unter dem Motto „Inclusion through User Experience“, und in Hamburg und München hielten die lokalen Organisatoren sich auch an das Thema. In Hamburg hatten wir eine sehr inspirierende Podiumsdiskussion, an der ich teilnehmen durfte.

Klar, viele Produktideen verdanken sich dem Wunsch, menschliche Einschränkungen zu kompensieren. So die erste Schreibmaschine, die eine zittrige Handschrift ersetzen sollte.

Wenig bekannt ist bisher noch die Rolle von Behinderung als Testlabor in der Produktentwicklung. Viele Produkte wurden zuerst von Menschen mit Behinderungen eingesetzt, noch bevor sie für den allgemeinen Markt brauchbar waren. Ich denke besonders an die Optische Zeichenerkennung (OCR) – an Blindenarbeitsplätzen wurden schon früh Scanner mit OCR als Lesegerät eingesetzt. Das in den 80ern bis Mitte der 90er Jahre verbreitete Kurzweil-Gerät, Vorläufer der Xerox Scanner, kostete um 40.000 DM und wurde anstandslos von der Hauptfürsorge als Hilfsmittel zum Ausgleich der Behinderung bezahlt. Auch die Wortvorhersage im Smartphone war zuerst ein Hilfsmittel für Menschen, die ihre Hände nicht oder nicht voll zur Verfügung hatten und ihre Zeit einsetzten, um als Beta-Tester den Produkten aus den Kinderschuhen herauszuhelfen.

Mein Arbeitsalltag ist tatsächlich auch sehr stark von Innovationen bestimmt, wenn auch die Produktideen sich nicht dem Design for All verdanken. In der großen Masse ist der Fortschritt technisch getrieben – höher schneller weiter und dabei immer leichter. Neue Features in Produkte umsetzen, einfach mal machen, dann sehen wir schon. Wenn eine Idee es geschafft hat und den Massenmarkt erreicht, kommt erst die Usability-Sicht ins Spiel. Denn um einem Produkt nachhaltigen Erfolg zu sichern, muss es eine möglichst breite Zielgruppe bedienen, und das heißt auch benutzerfreundlich und barrierefrei sein. Wir Barrierefrei-Experten sind dabei die Aufräumtruppe – unterscheiden das Brauchbare vom nicht Benutzbaren, entwickeln neue Verfahren zur barrierefreien Umsetzung von im Kern guten Ansätzen.

Im Moment bin ich hauptsächlich mit Widgets wie Slider, Accordion und Tree beschäftigt, die in Javascript-Bibliotheken enthalten sind und deren WAI-ARIA-Auszeichnungen oftmals nur von der Spezifikation inspiriert sind. Diese teste ich mit den aktuellen Screenreadern und stelle schnell fest, was benutzbar ist und wie man es besser machen könnte.

Also, ich verstehe mich nicht so sehr innovativ, sondern eher konsolidierend. Was über den Tag hinaus Bestand haben will, das geht durch meine Hände. Und das ist auch schon gut, finde ich.

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